Pornosucht und die ersten Schritte zur Anerkennung

Ein großes Problem der Pornosucht, neben all ihren negative Folgen, die sie mit sich bringt, ist das mangelnde Bewusstsein darüber, dass sie existiert. Wir tun unser Bestes, um der Pornosucht die Anerkennung zu besorgen, die ihr gebührt. Oft reicht es nicht, die Bevölkerung immer wieder eindringlich zu warnen. Man wird nicht ernst genommen – oder gar nicht erst wahrgenommen.

Vor Kurzem erreichte uns aber allerdings eine Nachricht, die etwas Hoffnung bringt. Hoffnung darauf, dass die Pornosucht bald anerkannt sein wird und auch im medizinischen Sinne endlich behandelt wird.

Wie von diversen medizinischen Instanzen nämlich zu entnehmen ist, haben Amerikas Top Sucht-Experten von der American Society of Addiction Medicine (ASAM) gerade ihre neue Definition von Sucht herausgebracht. Diese neue Definition beendet die Debatte darüber, ob Sex und Pornosucht anerkannte Süchte sind. Nach dieser Veröffentlichung steht nämlich fest: Sie sind es definitiv.

Sucht neu definiert: Pornosucht impliziert

In einer Pressemitteilung wird die Umstrukturierung der Definition folgendermaßen eingeleitet:

„Die neue Definition ergab sich aus einem intensiven, vierjährigen Prozess mit mehr als 80 Experten, die aktiv daran arbeiteten. Darunter waren Experten aus Suchtkliniken, Suchtforscher, Ärzte und führende Neurowissenschaftler aus dem ganzen Land. Zwei Jahrzehnte Fortschritte in der Neurowissenschaft haben uns letztendlich überzeugt, um diesen Schritt zu gehen. ASAM ist der Meinung, dass die Sucht und das, was sie im Gehirn anrichtet, neu definiert werden muss.“

Es ist wahrscheinlich, dass ASAM so gehandelt hat, weil führende Psychiater momentan an einer Überarbeitung des DSM („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ oder unter Kennern auch „Die Psychologen-Bibel“ genannt) sitzen.

Die bevorstehende Veröffentlichung des neuen DSM soll neue Erkenntnisse der Wisschenschaft von Suchtverhalten und -erkrankung beinhalten.

Traditionell stellt das DSM keine Diagnosen aufgrund von Erkrankungen, sondern beruft sich jeweils auf eine Liste von Verhaltensweisen. Da die DSM-Autoren sich nun aber nicht auf eine Auflistung von sexuellen Verhaltensweisen einigen konnten, die die „Hypersexualität“ (welche zwanghaften Konsum von Pornos beinhaltet) beschreibt, waren sie zum Handeln gezwungen.
Man darf gespannt sein, wie die neue Ausgabe die Erkrankung unterbringt- und ob sie überhaupt dann als eigenständige Erkrankung definiert wird.

ASAM als Pioniere der neuen Sucht

Nun scheint es so, dass ASAM als erste anerkannte Institution in den Vereinigten Staaten professionell mit der Pornosucht umgeht.

Die ASAM-Definition befasst sich mit der Rolle des Gehirns bei der Entstehung von Sucht: was passiert mit den Gehirnfunktionen und bestimmten Abläufen im Hirn? Und wie erklären diese veränderten Prozesse das problematische Sexualverhalten (z.B. sich täglich Internetpornos anzuschauen)?

Der neue Ansatz ist es, dass physische und verhaltensbedingte Abhängigkeit gleichermaßen Veränderungen im Gehirn beinhalten. Die grobe Unterscheidung von psychischer und körperlicher Abhängigkeit sei demnach nicht mehr zeitgemäß.

In einer allgemein gehaltenen Zusammenfassung von ASAM zur neuen Definition der Pornosucht kommen folgende Punkte zum Tragen:

  1. Sucht spiegelt immer die gleichen Veränderungen im Gehirn wider, egal ob sie als Folge von chemischen Veränderungen oder Verhaltensweisen entsteht.
  2. Sucht ist eine primäre Erkrankung. Sie muss nicht unbedingt von psychischen Problemen wie Stimmungs- oder Persönlichkeitsstörungen verursacht werden. Damit wird die weit verbreitete Vorstellung, dass Suchtverhalten immer eine Form der „Selbstmedikation“ ist, um andere Erkrankungen zu lindern, widerlegt.
  3. Beide Formen der Sucht, nämlich Verhaltens- und Substanzabhängigkeit, verursachen die gleichen großen Veränderungen in den neuronalen Ebenen des Gehirns: unter anderem Sensibilisierung, Desensibilisierung und veränderte Stressempfindungen.
  4. Chronisches Suchtverhalten beinhaltet die oben genannten Veränderungen im Gehirn. Sobald diese Veränderungen aufgetreten sind, wird die Abhängigkeit unbewusst und habituiert.
  5. Die neue Definition verwirft die alte Unterscheidung von „Sucht vs. Zwang“. Diese wurde oft benutzt, um die Existenz von Verhaltenssüchten, einschließlich Pornosucht, außen vor zu lassen.

Solche fast schon revolutionären Umstrukturierungen von konservativen, medizinischen Einordnungen kommen der Bekämpfung der Pornosucht sicher entgegen. Nur wenn Politik, Medizin und Öffentlichkeit zusammenarbeiten, kann endlich ein gesünderes Bewusstsein für die Problematik entstehen. Man darf gespannt sein, wie sich die Wahrnehmung dieser tückischen Abhängigkeit in nächster Zukunft verändern wird.

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