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Einfach anfangen
#1
Hallo ihr Lieben,

wie in dem Begrüßungsthema geschrieben, fange ich jetzt einfach an mit meinem Tagebuch.
Angemeldet habe ich mich hier Ende 2019 und dann hauptsächlich gelesen. Dann geriet das Forum bei mir in Vergessenheit. Jetzt habe ich es wieder entdeckt.

Ich fühle mich am letzten Stück eines sehr, sehr langen Weges. Viele Kämpfe wurden schon gekämpft, viele Tränen vergossen, Niederschläge, Aufstehen, erneute Niederschläge, Ratlosigkeit,...
Dennoch ist dieser Teil des Weges vermutlich der wichtigste und ich komme seit längerem einfach nicht weiter. Dies soll sich jetzt ändern.

Ich erhoffe mir mit diesem Tagebuch eine gewisse Konsistenz und Konsequenz meinerseits. Bewusst am Ball bleiben und den Weg „zuende bringen“. Selbstverständlich freue ich mich über euren Input. Smile

Ich werde von vorne anfangen und meine Geschichte Stück für Stück weiterschreiben, immer wenn ich Zeit habe. Irgendwann lande ich dann im Hier und Jetzt. Und dann geht es weiter.

Am Anfang...

Wie gesagt, ich fange ganz von vorne an: SB war schon immer da. Seit ich denken kann fühlte es sich gut an. Irgendwann kamen Samenerguss und Fantasien hinzu. Aus einem schönen körperlichen Gefühl wurde ein schönes sexuelles körperliches Gefühl. Ich habe mir nichts dabei gedacht, geredet habe ich darüber aber auch nicht. Irgendwie war es doch von ganz allein schambesetzt.

Der Fortgang war wie bei so vielen hier: Die ersten Schmuddelheftchen kamen von einem Kumpel (der sie aus einem Altpapiercontainer gefischt hat), dann kam das Internet. Erst wurden Bilder gesammelt und mit Kumpels ausgetauscht. Mit der Internetgeschwindigkeit kamen auch Filme.
Ich habe mir immer noch nichts dabei gedacht. Es fühlte sich gut an und war anscheinend normal. Man hat nicht sooo viel darüber geredet.

Mit der Jugendzeit kamen Alkohol und Zigaretten hinzu, beides sollte später auf meinem Weg noch eine Rolle spielen.

Wenn ich das so schreibe und darüber nachdenke, merke ich, dass meine Entwicklung eigentlich ganz normal war. Nicht besonders und unzählige Mal wiederholt auf diesem Planeten. Dennoch sollte es sich später in keiner Weise so anfühlen. „Bin ich der einzige mit diesem Pornoproblem?!“ „Bin ich der einzige, der kämpfen muss?!“ „ich bin der einzige, der sich das anschaut?!“ - das waren später grundlegende Gedanken, die mir zu schaffen machen sollten.

In Bezug auf Zigaretten war ich „ein Suchtmensch“. Zweimal habe ich versucht, aufzuhören und bin beide male gescheitert. Dann habe ich es akzeptiert. Alkohol trank ich um Spaß zu haben. Das Leben war irgendwie langweilig. Ich war nie wirklich glücklich, allerhöchstens zufrieden. Breit sein war die Farbe in meinem Leben.

Die Mittagspause ist vorbei, später geht es weiter...

So vergingen die Jahre...

Ich hatte nie eine Freundin und habe es nie geschafft, die Initiative zu ergreifen. Ich war zu unsicher. Getröstet habe ich mich mit meinen Kumpels und dem gemeinsamen breit sein. Ich habe auf „die große Liebe, die ich dann für‘s Leben heirate“ gewartet.

Für später erscheint mir noch die Info wichtig, dass ich christlich erzogen wurde. Ich kannte also die Bibel, ihre Geschichten und den Jesus der Bibel - aber nur vom Hören. Begegnet bin ich ihm nie und erst recht nicht so, wie in den Geschichten dargestellt (Gott teilt das Meer, redet direkt zu den Menschen etc.).
Ich kannte vielmehr nur die Regeln des Christentums: das tut ein Christ und das nicht.
Da ich Gott also nicht wirklich kannte und Christentum zu regelbehaftet war, erschien es mir nicht reizend. Ich wollte Leben und „Spaß haben“ wie meine Freunde.
Also ließ ich das Christentum in meinen Teeniejahren hinter mir und es geriet in Vergessenheit. Aus Teeniejahren wurden Jugendjahre und auf einmal war ich das, was man einen „jungen Erwachsenen“ nennt.


******
Wenn ich also vom Christentum, Jesus etc. schreibe, dann tue ich das nicht aus einem missionarischen Eifer. Es ist ein Teil meiner Geschichte und gehört einfach dazu. Ich möchte einfach meinen Weg beschreiben. Fühlt euch also bitte nicht missioniert o.ä.
******
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#2
Als junger Erwachsener traf ich dann die große Liebe, doch kurze Zeit später stellte sich heraus, dass sie es nicht war. In der Folgezeit geriet in meine erste Lebenskrise. Träume, Wünsche für das Leben und Realität passten nicht mehr, mit der Welt geht es unabwendbar bergab; kurzum: gefühlte totale Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit ohne Ausweg.

Tief in mir wusste ich: wenn jetzt noch jemand helfen kann, dann dieser Jesus, von dem ich als Kind so viel gehört habe. Jesus konnte immer alles.

Also habe ich das erste mal seit meiner Kindheit gebetet und ihm gesagt, dass ich an ihn glauben möchte. Das kann ich aber nur, wenn er sich mir zeigt. An jemanden, von dem ich nur über andere gehört habe, kann ich nicht glauben.

Und er zeigte sich mir! Das Erlebnis ist nicht wirklich in Worte zu fassen. Aber es war klar: ich bin diesem Jesus begegnet, er liebt mich, ich ihn und wir gehen von nun an gemeinsam durch‘s Leben.

Als nächstes war klar, dass die Bibel irgendwie dazugehört, denn daraus weiß ich ja etwas über ihn.

Es fand eine tiefgreifende Veränderung statt, mein Leben änderte sich total. Es war auf einmal bunt, spannend, schön. Breit sein brauchte ich nicht mehr und so hörte der Alkohol automatisch auf. Ich brauchte ihn einfach nicht mehr.

Es brauchte keine höhere Mathematik, um festzustellen, dass Porno nicht mehr zu meinem neuen Leben passt. Ich wollte aufhören. Mit den Zigaretten ebenso.

Ich dachte immer, dass man einfach aufhört. Von heute auf morgen keine Zigaretten mehr und gut. Das funktionierte bei mir nicht. Eine Bekannte sagte, dass der Prozess bei ihr mehrere Jahre gedauert hat. Und so war es auch bei mir:
Phasen ohne Zigaretten, Stress, Druck oder einfach so eine depressive Phase, Packung gekauft, Zigarette geraucht, Packung weggeworfen und wieder von vorne. 3 - 4 Jahre lang. Ein auf und ab, ein Hinfallen und wieder Aufstehen. Zermürbend.

Bis ich eines Tages wieder einen Rückfall hatte. Ich wollte die Zigarette anstecken doch ich konnte nicht mehr rauchen. Ich wusste: „entweder ich lerne es wieder neu oder ich rauche niemals wieder“. Die Pause zum letzten Rückfall war anscheinend zu lang.
Seitdem habe ich nie wieder eine Zigarette geraucht. Mehr noch: Ich HASSE sie. ich hasse den Gestank an der Bushaltestelle oder wenn ich beispielsweise aus dem Krankenhaus herauskomme. Ein Spalier an Rauch. Ekelig.

Der Kampf mit den Pornorückfällen sollte noch viel schwerer werden und noch einiges länger dauern.
Die Parallelen im Kampf wurden mir nie deutlich, weshalb ich mich auch mit der „bin ich pornosüchtig?“-Frage so schwer tat. Seit ich auf dieses Forum gestoßen bin ist es mir aber klar: genauso, wie ich damals von Zigaretten abhängig war, bin ich es jetzt (noch) vom Porno. Ein Mittel zur Bewältigung von Druck, Streß oder Frustration. Es gibt Phasen ohne und Rückfälle.

Und genau das war der Kreislauf die ersten 10 Jahre lang:

Ich wollte aufhören. Ein akzeptabler Konsum war nicht mehr möglich. Jeder Konsum bedeutete einen Rückfall. Es gab längere Phasen des „Guckens“ und kürzere Phasen des „nicht-guckens“.

Ich habe in der Zeit alles, wirklich alles versucht:

Ich habe Filter installiert. Dabei habe ich beim Passwort wild auf die Tasten geklickt, wohlwissend, dass anschließend bei kleinsten Veränderungen eine völlige Neuinstallation des Systems zur Folge wäre.
Ich habe mir Rechenschaftspartner gesucht.
Ich habe online-kurse begonnen.
Ich habe online-Seelsorge gesucht (die mich auch gute Schritte vorwärts gebracht hat).
Ich habe gebetet und gefastet.

Aber es gab immer wieder Rückfälle.

Mittlerweile hatte ich eine Freundin und diese auch geheiratet (meine jetzige Frau).
Ich meinte es ernst und da mir Offenheit und Ehrlichkeit bei ihr von Anfang an sehr, sehr leicht fielen, kamen wir irgendwann auch auf das Thema. Natürlich hat es sie verletzt.

Mein radikalster Schritt war dann eine Abmachung mit ihr: Wenn ich gefallen bin, beichte ich es ihr und bitte sie um Vergebung.
Vergebung von Jesus zu erbitten war leicht, doch verletze ich sie ja auch durch den Konsum.
Ich kann nicht sagen, wie oft ich mich über diese Abmachung geärgert habe. Und wie oft sie mir vergeben hat! Ich erzähle ihr dann keine Details, sie kann sich nicht viel vorstellen (sie ist relativ „unschuldig“ auf diesem Gebiet“). Doch auch ohne Details ist das schon schlimm genug.

Und diese Abmachung zeigt eine ganz besondere Wirkung.

Nach jedem Rückfall fühle ich mich innerlich tot und leer. Man sagt, der Heilige Geist wohnt in einem, wenn man Christ ist. Und ich glaube, dieser Geist gibt mir Leben und Freude.
Wenn ich gefallen bin ist es, als würde er sich zurückziehen. Ich fühle mich wie tot und leblos. Ich funktioniere noch, aber ich lebe nicht mehr.

Das geht so lange, bis ich den Rückfall mit meiner Frau ins Reine gebracht habe.

Diese Phasen dauerten und dauern unterschiedlich lang. Viele Jahre vergingen durchaus Wochen so „leblos“ und dunkel. Mittlerweile bin ich manchmal schon am nächsten Tag zum Beichten.

Es vergingen auch Phasen, in denen ich über mehrere Tage gefallen bin. Es waren sehr, sehr dunkle Tage.

Wir waren verheiratet, doch war ich oft alleine zuhause (berufsbedingt). Und ich habe so oft festgestellt, dass ich einfach nicht alleine zuhause sein konnte. IMMER bin ich gefallen.

Ich wusste einfach nicht weiter. Ich hatte doch schon alles ausprobiert und nichts hat geholfen. Es war frustrierend!
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#3
An diese Zeit erinnern mich auch einige Tagebücher, die ich hier gelesen habe.
Es war mir nie bewusst, dass diese Phase 10 Jahre gedauert hat.

Eines Tages reichte es mir mal wieder und ich hatte die Nase so richtig, richtig voll.

Ich setzte mir eine endgültige Frist: Ich gab mir 40 Tage, in denen ich keinerlei Süßes essen wollte (im Fasten war ich schon immer kreativ). Wenn ich in der Zeit einen einzigen Rückfall hätte, würde ich mit meinem Pastor sprechen und ihn um Gebet bitten.
Ich sah keinen anderen Weg. Ich war am Ende mit meinen Antworten, mit meinen Kräften, mit meiner Hoffnung.

Doch statt zu einem Rückfall kam es ganz automatisch zu einem Gespräch und wir haben einen Termin abgemacht, bei dem er und ein paar andere für mich beten wollten.

Das war das erste Mal, dass ich mich jemandem (ausser meiner Frau und dem Internet-Seelsorger) geöffnet habe. Es war garnicht so schlimm.
Die Leute haben dann lange gebetet und das war total unspektakulär. Sie hatten den Eindruck, dass Einsamkeit ein Grund für Porno war. Damit hatten sie irgendwie recht: Mein Leben lang habe ich mich immer einsam und allein gefühlt. Also haben sie auch über diesen Aspekt gebetet.

Das Ergebnis war krass! Ich fuhr nach Hause als neuer Mensch. Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben „ganz“.

Ich brauchte keinen Porno mehr! Ich hatte nicht mal mehr Verlangen, wurde nicht versucht. Es hat mich einfach nicht mehr interessiert.

Mein Leben war wie ausgewechselt. So wie damals, als ich Jesus zum ersten Mal begegnete, nur noch stärker.

Und das blieb so. Mein Leben war schön, sehr schön. So hätte ich mir das nicht vorstellen können. Ich habe es in vollen Zügen genossen - ungefähr 3 Jahre lang. Ich hatte so lange gekämpft. Nun habe ich endlich gewonnen. Niemals hätte ich gedacht, dass Porno nochmal ein Thema werden würde.
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#4
Doch es wurde noch einmal schlimm.

Umzugsbedingt musste ich die Kirche* wechseln. Die neue Kirche und ich passten nur bedingt zueinander. Ich wollte Veränderung bringen, doch ist Veränderung nicht immer gewünscht. Ohne, dass ich es wahrnahm, bahnte sich ein Drama an.

Ein gutgemeintes klärendes Gespräch mit Leitern wirkte einen maximal negativem und destruktiven Effekt in nahezu allen Lebensbereichen bis in meine tiefste Identität hinein.

Ich verlor jede Leidenschaft, Hoffnung und Lebenswillen. In dieser Krise existierte ich eigentlich nur noch, ich lebte nicht mehr. In der Corona-krise sah ich Aufnahmen eines Krankenhauses und das Bild fand ich für diese Phase sehr passend: Unansprechbar bewusstlos an einem Beatmungsgerät liegend - so fühlte ich mich.

Die einzigen Gedanken:
- Ohne Jesus geht es auch nicht (obwohl der Konflikt „nur“ in der Ortskirche stattfand, hatte er doch Auswirkungen auf ALLES, was mit dem Glauben zu tun hat).
- Ich kann meine Frau und meine Kinder nicht alleine lassen. Ich halte durch, bis die Kinder groß sind.

Manchmal stelle ich mir mein Innerstes wie einen Garten vor. Als ich das in dieser Phase tat, sah ich nur ein riesiges Trümmerfeld vor meinem inneren Auge. Wie diese Schlachtfelder im ersten Weltkrieg: alles zerstört.

Beim Laufen sah ich mich wie ein von Kugeln durchlöchertes Fass, aus dem das Blut nur so strömte.

Meine Entwicklung war auch auf der Arbeit sichtbar: aus einem „Wir retten die Welt“ wurde ein frustrierter, leidenschaftsloser, hoffnungsloser Mosaikstein. Für manche Kollegen war das schwer nachzuvollziehen bzw. schwer zu verstehen.

Und dann war er auch wieder da: der Porno. Er war in dieser Phase mein kleinstes Problem und doch riesengroß. Ich habe die Rückfälle nie gezählt, doch es war so schlimm wie in den Anfangszeiten. Dagegen angehen konnte ich nicht. Und so fand ich mich in dem so bekannten und beendet geglaubten Kreislauf von Rückfall - leblos fühlen - Beichten - Rückfall ... wieder.

Dies waren nun die dunkelsten Jahre meines Lebens.

——————————————————————-
* Es handelt sich hier um so genannte Freikirchen. Davon gibt es viele verschiedene und jede „Ortskirche“ ist etwas anders. Man spricht von „Gemeinden“. Doch denke ich, dass der Begriff „Kirche“ leichter verständlich ist.
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#5
Diese Krise war furchtbar und ich bin nur sehr langsam herausgekommen (wenn überhaupt).

Ich erledigte meine Hausaufgaben: Ich suchte mir Hilfe, sprach mit meinem Seelsorger. Ich vergab immer wieder. Ich schloss das Thema ab so gut es ging.

Irgendwann wurde es besser. Ich wollte anfangen auf diesen Trümmern wieder etwas aufzubauen.

Oft habe ich mich nach der Zeit gesehnt, in der alles gut war. Auch jetzt wünsche ich sie mir manchmal zurück. Doch so funktioniert das Leben leider nicht. Es geht niemals zurück, immer nur vorwärts. Die Zeit schreitet unaufhaltsam voran.

Also ging ich erste Schritte: Ich ging nicht mehr in die Gottesdienste und machte stattdessen Sport. Das Laufen habe ich schon im Prozess gegen die Zigaretten entdeckt, doch immer nur sporadisch.
Nun entdeckte ich, wie gut es mir tat und fing an, regelmäßig zu laufen. Erst nur Sonntags, dann mehrmals in der Woche, kurze Zeit später täglich. Das muss so 2019 gewesen sein.

Für die Beziehung war dieser Schritt eine Belastung, da meine Frau keine so negativen Erfahrungen mit der Kirche gemacht hat. Darum habe ich für diesen Schritt sehr lange gebraucht. Aber es ging einfach nicht mehr.

Das tägliche Laufen ist für mich mittlerweile weniger Sport und vielmehr Psychohygiene. Es stillt meine Sammelleidenschaft („wieder xx km auf der Uhr“, „xx Tage am Stück gelaufen“). Während der gefühlt endlosen monotonen Bewegungen kann ich meine Gedanken fließen lassen und muss sie nicht kontrollieren. Ich kann hören, was ich will: Musik, Hörbuch, völlig egal. Es tut einfach gut.
Ich glaube, dass ich mich dadurch in eine gute Position im Kampf gegen Porno bringe. Ein unschätzbarer Vorteil.

Ende letzten Jahres kam ich dann über Umwege wieder zur Musik. Musik war früher ein wichtiger Bestandteil von mir und ist einer der Kolatteralschäden der Krise. Ich hatte ausgespielt, die Musikalität meines Lebens war aufgebraucht. Doch über experimentelle Wege fand ich dann sogar zu meinem alten Instrument zurück und entdecke es seitdem ganz neu. Seit Ende letzten Jahres spiele ich nun jeden Abend.

Hierbei muss ich die Kunst der PC-Spiele-Entwickler lernen und anwenden: Die Lernziele dürfen nicht zu hoch sein, sonst bin ich frustriert und überfordert. Sie dürfen aber auch nicht zu klein sein, sonst bin ich frustriert und gelangweilt. Der Sweet Spot ist schwer zu treffen doch für mich überlebensnotwendig.

Nun komme ich langsam zum Hier und Jetzt.

Ich habe festgestellt, dass es bei mir zwei Auslöser / Gründe für Porno gibt.
Zum Einen ganz klar in Stress- oder Drucksituationen. Das kennt ihr ja. Rational betrachtet kann ich hier ganz entspannt sein. Porno ist hier nicht anders als die Zigaretten damals, nur hartnäckiger. Aber ich habe damals gewonnen und werde es diesmal auch tun.

Über den zweiten Punkt muss ich immer noch viel nachdenken. Denn auch wenn es mir gutgeht, schaue ich manchmal. Es ist der verlockende Gedanke im Kopf und ich klicke. Vermutlich geht es hier um das Dopamin, nach dem mein Gehirn verlangt.

Einmal habe ich auf der Arbeit eine Aufgabe erledigt, für die ich recht viel Leidenschaft hatte. Als sie fertig war, war ich sehr glücklich und ich habe mich gefreut. Es fühlte sich gut an. Und trotzdem habe ich geschaut. Warum? War mein Gehirn noch nicht glücklich genug? War das eine Art Belohnung für das Gehirn?

Zwei grundlegende Einsichten habe ich kürzlich dazugekommen. Auf diesen stehe ich im Hier und Jetzt zum Großteil.

Zum Einen beschäftige ich mich im Rahmen des Instrumentenlernens auch mit Bands. Die Mitglieder einer Band haben beinahe alle eine Drogenvergangenheit mit härteren Drogen. Aber sie sind frei geworden. Einer schrieb in dem Zusammenhang, dass er „seine Sucht jetzt in Spiritualität und Kreativität kanalisieren könne“.

Das brachte mich zum Nachdenken. Kann ich etwas kanalisieren? Kämpfe ich vielleicht einen Kampf gegen mich selbst, den ich so garnicht gewinnen kann?
Für mich war das ein Grund mehr, täglich zum Instrument zu greifen. Nur für mich, völlig ohne Leistungsdruck.

Das andere ist ein Teil aus dem Buch „die große Scheidung“ von C.S. Lewis.
Hier trifft der Protagonist einen Mann mit einer Eidechse auf der Schulter. Diese tut ihm nicht gut. Sie lügt ihn an und er leidet unter ihr. Doch kann er sie nicht loslassen.
Dann trifft er ein Engelwesen, das ihm anbietet, diese Eidechse zu töten. Nach etwas hin und her stimmt der Mann zu. Das Engelswesen nimmt die Eidechse, tötet sie und wirft sie auf den Boden.
Dort verwandelt sich die tote Eidechse in ein wunderschönes, starkes weißes Pferd. Der Mann setzt sich drauf und reitet davon.

Ich habe mich gefragt, was das mit mir zutun haben kann. Wieder die Frage: Kämpfe ich einen Kampf, den ich garnicht gewinnen kann? Den ich auch garnicht kämpfen muss?

Irgendjemand schrieb hier, Porno sei nur ein Ausdruck.

Ist Porno bei mir nur etwas, das fehlgeleitet ist?

Der Punkt ist der: ich habe erkannt, dass ich ein hungriger Mensch bin. Meine Seele ist hungrig. Ich kann Gemeinschaften nicht aushalten, denen der Status quo reicht. „So haben wir das schon immer gemacht und deshalb machen wir das weiter so.“ Das ist Gift für mich. Das halte ich nicht aus.
Darum meine Probleme in der Ortskirche.

Habe ich eine Leidenschaft in mir, die gestillt werden möchte? Wenn ich Pornos schaue, dann stille ich sie falsch. Dann ist nicht Porno das Problem. Es ist nur die falsche Nahrung. Das Problem ist, dass ich nicht erkenne, das ich hungrig bin.

Also versuche ich, meine Leidenschaft zu kanalisieren. In Sport und vor allem in Musik. Ich will besser werden. Aber ich kämpfe nicht gegen die Leidenschaft. Sie ist ein Teil von mir und sie ist wunderbar.

Ich glaube, als ich diese Erkenntnis hatte, hat sich meine Eidechse verwandelt.

Ich bin es leid zu kämpfen. Ich bin kampfesmüde. Ich möchte nicht mehr aus eigener Kraft versuchen, diesen Teil von mir zu besiegen.
Der einzige Kampf ist, mich der Sucht zu stellen und ihr ins Gesicht zu schauen. Meine Leidenschaft und meinen Seelenhunger zu erkennen und zu kanalisieren.

Trotz dieser Erkenntnisse sind diese Versuchungsgedanken da. Der Klick ist zu leicht.

Das ist auch der Grund, warum ich nun hier schreibe. Ich muss mir das bewusst halten.

Ich habe mein Gehirn von meiner Jugend an falsch trainiert. Die Bahnen sind mehr als nur Autobahnen geworden. Jetzt ist es Zeit, mein Gehirn konsequent umzutrainieren. Deshalb zähle ich die Tage, schreibe hier rein, wie es läuft.

Phasenweise lese ich viel, dann wieder weniger. Aber ich setze mich damit auseinander. Denn ihr kennt das ja: Die Gefahr lauert irgendwann nach xx Tagen, dann, wenn man sich schon sicher fühlt.

Heute bin ich bei Tag 3, in einer Stunde habe ich ihn abgeschlossen. Die Tage fielen leicht, weil ich abends mit dem Schreiben dieses Tagebuches beschäftigt war. Ich weiß nicht, ob ich mir das 90 Tage Ziel setzen möchte. Mein Ziel war seit Beginn (vor nun schon 17 Jahren!) ein Pornofreies Leben - also weit mehr als 90 Tage.

Als nächsten Schritt möchte ich aus der Ortskirche austreten. Der Schritt ist überfällig.

Dann werde ich berichten, wie es weitergeht.
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#6
Heute wollte ich Gedanken zum Thema „Sexuelle Befriedigung“ schreiben. Das tauchte hier auf und ich habe nachgedacht.

Der Punkt ist, dass beide Partner in Paarsexualität mit der Sexualität glücklich sein sollen. Wir haben halt diese sexuelle Energie und Vorlieben in uns und manchmal passen sie nicht mit der der Partner überein.

Was nun? Soll ich meine Frau bitten, entsprechende Praktiken, die ich mir wünsche, zu übernehmen und mitzuspielen, damit ich sexuell befriedigt bin?

Ich traue mir nicht mehr. Was von meinen Wünschen kommt vom Porno? Was aus mir? Wünsche ich es mir, weil ich es irgendwo gesehen habe?
Ich möchte im Bett mit meiner Frau keine Pornos nachspielen.

Wenn sie etwas nicht möchte, dann ist das ok so. Ich bin, ehrlich gesagt, auch so glücklich mit unserem Sex.

Was ist nun, wenn ich zu viel sexuelle Energie habe? Mehr Sex möchte also möglich ist? Muss ich nicht auch auf meine Kosten kommen? Habe ich nicht ein Recht, die Energie rauslassen zu können? SB?

In einem Interview sprach ein Musiker davon, dass er sich manchmal keinen runterholt, weil das „die Kreativität töten würde“. Das fand ich interessant.

Ist diese „sexuelle Energie“ vielleicht nur „Energie“? Dann kann ich wieder kanalisieren. Ich muss sie nicht sexuell entladen. Ich kann mich auch an mein Instrument setzen. (Was, nebenbei bemerkt, zur Zeit etwas frustrieren ist, weil ich a) abends extrem müde bin und b) im Können bei Weitem nicht da bin, wo ich gerne wäre).

Ich habe einiges an Beziehungen beobachtet und festgestellt, dass der Partner oft als „Komplettierung“ „missbraucht“ wird. Etwas fehlt in meinem Leben, ich fühle mich unvollständig und der Partner soll diese Lücke ausfüllen, damit ICH „ganz bin“. Dann bin ich aber abhängig von meinem Partner bzw. gebe ihm eine Rolle, die nicht zu erfüllen ist.

Deshalb habe ich ein ganz einfaches Grundgerüst: Ich muss auch alleine glücklich sein können. Dann bin ich wirklich frei, meine Frau zu lieben und vernünftiger Ehemann sein.
Das gleiche möchte ich auch in Bezug auf meine Sexualität. Ich möchte auch ohne Sex glücklich sein können und leben können. Dann „brauche“ ich den Sex nicht, um irgendetwas zu kompensieren.

Was ist guter Sex? Was ist ein gutes Sexualleben?

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Sex verbindet. Jeder Rückfall trennt das unsichtbare Band, jede Versöhnung heilt es wieder. „Sex ist der Leim einer Beziehung“ stand irgendwo. Dem kann ich nur zustimmen.

Sex verbindet meine Frau und mich. Und je länger die Phasen ohne Porno sind, desto enger ist die Verbindung, desto verbindender der Sex - und desto erfüllender.
Das ist etwas unsichtbares, schwer greifbares.

Deshalb kommt es bei erfüllendem Sex für mich nicht auf Praktiken, sexuelle Zufriedenheit oder eine Mindestanzahl pro Woche o.ä. an.
Erfüllend ist für mich Sex mit meiner Frau, der uns verbindet.

Große Worte für jemanden, der hier in so ein Forum schreibt. Aber es gibt sie: diese Lichtphasen, in denen es gut läuft. Deshalb bin ich hier. Ich möchte in diesen Lichtphasen dauerhaft leben und nicht mehr in dieses Netz auf Pornomist zurückfallen - auch nicht „um nur mal eben zu schauen“.
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#7
So Leute, nun habe ich länger nichts von mir hören lassen. Das muss kein schlechtes Zeichen sein. Heute beende ich Tag 9.

Der Punkt ist: ich habe sehr wenig Zeit. Und es tut mittlerweile gut, nicht nur um das Thema zu kreisen.

Wie oben schon geschrieben, spiele ich mein Instrument weiterhin jeden Abend. Manchmal bin ich dann schon sehr müde und ärgere mich, dass ich nicht so viel spielen kann. Manchmal bin ich aber auch wacher; doch auch dann ärgere ich mich. Ich habe einfach (noch) nicht so viel Durchhaltevermögen. Ich würde gerne viel mehr spielen...

Ich versuche, über das Thema Sucht einen Song zu schreiben. Dabei denke ich natürlich an die Pornosucht bzw. all die Süchte, mit denen ich direkt zu tun hatte.
Dabei benenne ich sie nie direkt. Es geht in die Richtung: „Heute mach‘ ich Schluss mit dir, du kannst jetzt gehen. Diesmal meine ich es ernst, lass‘ dich einfach hier stehen.“

Heute kam mir da ein schöner Gedanke: „Ich habe eine neue“. Ich lasse die Sucht stehen, denn meine Leidenschaft fließt, allem Frust zum Trotz, in die Musik bzw. mein Instrument. Zumindest die Leidenschaft, die sich sonst in Porno verirrt.

Dieser Gedanke tut mir gut.

Zwischendurch hatte ich die Tage ganz leise Versuchungsgedanken. Früher wäre ich denen wohl erlegen. Die letzte Zeit (seit meinem letzten Eintrag) konnte ich stark bleiben. Ich habe dabei nichts großartiges getan, sondern einfach an dieses Forum gedacht.

Ich muss die Sache zur Zeit wohl einfach aussitzen und dabei meinen Weg (Sport, Musik, Forum) weitergehen. Damit lasse ich Porno einfach stehen und gehe meinen Lebensweg ohne ihn weiter.

Zu dem kommt hinzu, dass wir hier wieder eine längere (gezwungene) sexfreie Zeit hatten. Heute dachte ich noch: „Ich könnte mich jetzt bemitleiden und den negativen Gedanken folgen. Aber das will ich nicht.“ Dann habe ich an mein Instrument gedacht.

Ich hatte die Wahl. Früher wäre ich in die Falle getappt („du Armer, wieder keinen Sex...“).
Doch sie wird offensichtlicher mit der Zeit.

Haltet durch und habt einen langen Atem. Es lohnt sich.

Noch eine Erkenntnis: Im Laufe der Jahre hat sich mein Weg weg vom Porno verändert.

Früher war es ein Kampf gegen mich bzw. gegen einen (dunklen, schlechten) Teil von mir.
Mittlerweile ist es ein Umlenken von etwas Wertfreiem in etwas Gutes, Konstruktives, Positives und Kreatives.

Hier bin ich also zur Ruhe gekommen. Ich muss nicht mehr kämpfen. Ich lerne, mich nicht vom Weg ablenken zu lassen. Gab es nicht eine Sage mit den Sirenen, die den Seefahrer vom Kurs gelockt haben? Das trifft es ganz gut. Porno hat also keine Macht mehr über mich. Ob er damals bei dem Gebet die Macht verloren hat? Ich kann es nicht sagen.

Ich weiß nur: Der Weg (weg vom Porno) lohnt sich.
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#8
Geht es bei der ganzen Sache eigentlich nur um Dopamin?

Ist das Musikmachen dann nicht nur ein Substitut? Dopamin halt auf andere Weise?

Ist das Dopamin denn eigentlich schlecht? Oder ist es völlig normal, menschlich angelegt und richtig, Dopamin im Gehirn haben zu wollen? War es nicht so, dass das Gehirn unter Dopamin besser lernt?

Auf jeden Fall stützt das die These, dass es bei mir nicht um einen Kampf gegen etwas geht, sondern darum, das Dopamin auf eine gute Art und Weise hervorzurufen.

Das Dopamin durch Musik ist auf jeden Fall um ein Vielfaches schwerer zu erlangen. Ist es deshalb wertvoller?
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